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DER BYSTANDER-EFFEKT/ DER ZUSCHAUEREFFEKT -Warum wir (nicht) handeln


In unserem Sicherheitstraining diskutieren wir immer wieder mit den Teilnehmern, wie sie sich aus der Isolation einer Notfallsituation herausbewegen sollten. Sollte man aktiv Kontakt suchen, oder kann man im schlimmsten Fall davon ausgehen, dass jemand zur Hilfe eilt?

Zu diesem Thema verfasse ich heute diesen Blog, um auf einen Effekt aufmerksam zu machen, der die zuvor gestellte Frage wissenschaftlich beantwortet.


Der Bystander-Effekt


Der Bystander-Effekt ist ein Phänomen, das in Situationen auftritt, in denen Menschen Zeuge eines Notfalls werden, aber dennoch nicht eingreifen, um zu helfen. Es ist eine beunruhigende Realität, die oft zu tragischen Konsequenzen führen kann. In diesem Blog werde ich den Bystander-Effekt genauer untersuchen, seine Ursachen verständlicher werden lassen und herausfinden, was wir gemeinsam aktiv dagegen tun können.


Was ist der Bystander-Effekt?


Der Bystander-Effekt wurde erstmals in den 1960er Jahren nach dem berühmten Fall von Kitty Genovese identifiziert, einer jungen Frau, die vor den Augen vieler Menschen ermordet wurde, ohne dass jemand eingriff. Dieser Vorfall führte zu einer Reihe von Studien, die das Phänomen des Nichteingreifens in Notfallsituationen untersuchten.


Der Bystander-Effekt tritt auf, wenn Menschen in einer Gruppe Zeuge eines Notfalls werden, aber aufgrund der Anwesenheit anderer nicht eingreifen. Dies geschieht oft aus verschiedenen Gründen, darunter das Gefühl, dass andere bereits Hilfe leisten werden (Diffusion von Verantwortung), die Angst vor Blamage oder falscher Interpretation der Situation.


Ursachen des Bystander-Effekts


1. Diffusion von Verantwortung: Je mehr Menschen anwesend sind, desto unwahrscheinlicher ist es, dass Einzelne eingreifen, da sie davon ausgehen, dass jemand anderes die Verantwortung übernehmen wird.


2. Soziale Normen: In bestimmten Situationen können soziale Normen oder Erwartungen darüber, wie man sich verhalten sollte, das Handeln beeinflussen. Wenn niemand anders eingreift, könnte dies als Zeichen dafür interpretiert werden, dass kein Eingreifen erforderlich ist.


3. Pluralistische Ignoranz: Menschen können sich in einer Gruppe befinden und denken, dass andere nicht eingreifen, weil sie etwas wissen, das sie nicht wissen. Dies kann dazu führen, dass Einzelpersonen die Situation falsch einschätzen und nicht eingreifen.


Aktive Maßnahmen gegen den Bystander-Effekt


1. Erkenne den Effekt: Indem man sich der Existenz des Bystander-Effekts bewusst ist, kann man besser darauf vorbereitet sein, in einer Notfallsituation zu handeln, anstatt zu zögern.


2. Verantwortung übernehmen: Wenn man sieht, dass jemand in Not ist, ist es wichtig, Verantwortung zu übernehmen und nicht davon auszugehen, dass jemand anderes eingreifen wird. Selbst wenn man unsicher ist, ob Hilfe benötigt wird, ist es besser, sicher zu sein und Unterstützung anzubieten.


3. Direkt ansprechen: Anstatt allgemein um Hilfe zu bitten, kann es effektiver sein, eine bestimmte Person direkt anzusprechen und um Unterstützung zu bitten. Dies verringert die Wahrscheinlichkeit von sozialer Verantwortungsdiffusion. Hilfreich kann es sein, wenn man die Person anhand ihrer Kleidung, z.B. „Sie, mit dem grünen Pullover, können Sie mir helfen.“ direkt identifiziert. Das erhöht zusätzlich die Bereitschaft zu unterstützen.


4. Notruf tätigen: Wenn die Situation es erfordert, ist es wichtig, sofort einen Notruf abzusetzen und professionelle Hilfe anzufordern. Dies sollte man auch tun, wenn man Zeuge eines Notfalls wird.

Des Weiteren sollte man bei Situationen, die nicht klar zu identifizieren sind, ob sie ein Notfall werden könnten oder es sich möglicherweise um einen Übergriff handelt, die Polizei kontaktieren. Ich nenne das den "Reality-Check". Oft ist man nicht in der Lage, die Situationen klar zu bewerten und benötigt einen neutralen Blick. Dieser kann bei Übergriffen von der Polizei geleistet werden.


5. Ausbildung und Training: Durch Erste-Hilfe-Kurse und Schulungen können Menschen lernen, wie sie in Notfallsituationen richtig handeln können. Dies kann dazu beitragen, Selbstvertrauen aufzubauen und die Hemmschwelle zu senken, in solchen Situationen zu helfen.

Auch Sicherheitstrainings, wie wir sie anbieten oder andere Systeme, wie .z.B. Krav Maga/Selbstverteidigung etc. helfen dabei, aktiver zu sein.


6. Soziale Normen ändern: Durch Förderung einer Kultur des Eingreifens und der Unterstützung untereinander können soziale Normen geändert werden, um das Eingreifen in Notfallsituationen zu fördern. Wenn wir selbst einen offenen Blick haben und andere bestärken können wir ein Teil dieser Bewegung werden.


Fazit


Der Bystander-Effekt ist ein komplexes Phänomen, das unsere Fähigkeit beeinträchtigen kann, in Notfallsituationen angemessen zu handeln. Es ist jedoch wichtig zu verstehen, dass wir aktiv etwas dagegen tun können. Indem wir uns der Ursachen bewusst sind und aktive Maßnahmen ergreifen, können wir dazu beitragen, Leben zu retten und eine unterstützende Gemeinschaft aufzubauen, in der wir uns gegenseitig in Zeiten der Not helfen.



Weitere Quellen:


Bierhoff, H.W., Montada, L., 1988: Altruismus - Bedingungen der Hilfsbereitschaft. Göttingen: Verlag für Psychologie.


Eagly, A.H., Crowley, M., 1986: Gender und Helping Behaviour: A Meta-Analytic Review of the Social Psychological Literature. Psychological Bulletin 100(3): 283-308.


Harris, V.A./ Robinson, C.E., 1973: Bystander intervention: Group size and victim status. Bulletin of the Psychognomic Society 2: 8-10.


Ross, A. S./ Braband, J., 1973: Effect of increased responsibility on bystander intervention: II. The cue value of a blind person. Journal of Personality and Social Psychology 25: 254-258.


Shotland, R. L./ Huston, T. L. (1979). Emergencies: What are they and do they influence bystanders to intervene. Journal of Personality and Social Psychology 37: 1822-1834.


Voigtläner, D., 2008: Hilfeverhalten und Zivilcourage: Ein Vergleich von antizipiertem und realem Verhalten. Dissertation an der Universität Göttingen.

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