
DIE LESUBIA- STUDIE 2025- WAS HAT DAS MIT MIR ZU TUN?
- Coach Yazz
- vor 1 Tag
- 6 Min. Lesezeit
Ich stehe seit vielen Jahren in der Halle. Als Gongfu‑Meisterin habe ich gelernt, Bewegungen zu lesen, Spannungen zu spüren, noch bevor sie sichtbar werden. Als Trainerin für Selbstverteidigung und Krav Maga arbeite ich mit schlechten Gegebenheiten, die stressig, roh, direkt und manchmal unbequem sind: der Realität von Gewalt im Alltag.
Mit Self Defense Hamburg begleite ich Kinder, Jugendliche und Erwachsene – Menschen aus ganz unterschiedlichen Lebensrealitäten. Was sie verbindet, ist selten der Wunsch zu kämpfen. Was sie verbindet, ist der Wunsch nach Sicherheit, nach Handlungsfähigkeit und nach einem Körpergefühl, dem man vertrauen kann.
Was viele nicht wissen ist, dass ich selbst Opfer häuslicher Gewalt war. Ich habe den Täter angezeigt. Darauf folgte ein acht Jahre langer juristischer Prozess. Diese Zeit war geprägt von Trauer, Schmerzen, Selbstzweifeln und Existenzängsten und der ständigen Frage, ob ich stark genug bin, diesen Weg durchzuhalten.
Dass ich diesen Schritt überhaupt gehen konnte, lag nicht allein an meiner Stärke. Ich hatte das Glück, Freund:innen zu haben, die selbst Polizist:innen sind und mich immer wieder bestärkt haben. Ohne diesen Rückhalt hätte ich es vermutlich nicht geschafft, Anzeige zu erstatten. Die Hürden waren hoch – emotional, sozial und psychisch. Zu groß waren zeitweise die Scham, die Ohnmacht vor Konsequenzen und das Gefühl, allein zu sein.
Genau deshalb kann ich heute sehr gut nachvollziehen, wie schwer der Schritt zur Anzeige ist – und warum so viele Menschen ihn nicht gehen. Diese persönliche Erfahrung prägt meine Arbeit mindestens genauso stark, wie meine Ausbildung in Kampfkunst, Kampfsport, Selbstverteidigung und militärischer Nahkampf.
Als ich mich mit den Ergebnissen der LeSuBiA‑Studie („Lebenssituation, Sicherheit und Belastung im Alltag“) beschäftigt habe, hatte ich immer wieder dieses Gefühl: Das ist genau das, was mir Menschen seit Jahren im Training erzählen. Nur diesmal ist es nicht ein Einzelfall aus dem Kurs – es ist systematisch erhoben, analysiert und gesellschaftlich hochrelevant.
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1. Das Dunkelfeld – warum Gewalt unsichtbar bleibt
In der Kampfkunst sagen wir: Der gefährlichste Angriff ist der, den du nicht kommen siehst. Die LeSuBiA‑Studie bestätigt genau das auf gesellschaftlicher Ebene. Sie zeigt, dass nur ein sehr kleiner Teil von Gewalterfahrungen tatsächlich angezeigt wird. Der Großteil bleibt im sogenannten Dunkelfeld.
Weniger als 10 % aller Gewalterfahrungen werden angezeigt.
Bei Partnerschaftsgewalt liegt die Anzeigequote sogar unter 5 %.
Das bedeutet: Polizeiliche Kriminalstatistiken zeigen nur einen sehr kleinen Ausschnitt der Realität. Der Großteil der Gewalt bleibt im sogenannten Dunkelfeld – unerkannt, unbearbeitet, folgenreich.
Für mich als Trainerin ist das keine Überraschung. Viele meiner Teilnehmer:innen erzählen mir von ihren Erfahrungen – manchmal leise, manchmal zögerlich, manchmal zum ersten Mal überhaupt. Die Gründe sind vielfältig: Angst, Scham, Abhängigkeiten, fehlendes Vertrauen in Institutionen oder die Überzeugung, dass das Erlebte „nicht schlimm genug“ gewesen sei.
Es ist nicht so, dass sie nicht reden wollen, sondern sie haben gelernt, dass Schweigen sicherer erscheint.
Für mich stand meine Vorbildfunktion im Vordergrund, nicht mein eigenes Wohlsein. Ich wusste, dass ich mich nie wieder in den Spiegel anschauen könnte, ohne mich zu Tiefst zu schämen, wenn ich mich in der Gewaltsituation von meinen Ängsten leiten lasse. Ich habe das richtige getan, um anderen ein Vorbild zu sein, nicht weil es sich „gut“ oder „richtig“ anfühlte. Denn ich hatte gelernt: was nicht benannt wird, kann nicht bearbeitet werden. Gewalt, die unsichtbar bleibt, wiederholt sich leichter – individuell wie strukturell.
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2. Gewalt hat viele Gesichter – und sie beginnt selten mit dem Schlag
Ein zentraler Wert in meiner Arbeit bei Self Defense Hamburg ist Prävention durch Wahrnehmung. Die LeSuBiA‑Studie macht deutlich, dass Gewalt nicht nur körperlich ist. Sie beginnt oft subtil:
• mit Grenzüberschreitungen,
• mit Kontrolle,
• mit Bedrohungen,
• mit sexualisierter Sprache,
• mit digitaler Belästigung.
Gerade digitale Gewalt wird häufig unterschätzt. Doch aus neurobiologischer Sicht reagiert unser Nervensystem auf Bedrohung online nicht grundsätzlich anders als auf Bedrohung im physischen Raum. Stress, Angst, Schlaflosigkeit, Rückzug – all das sehe ich auch bei Menschen, die „nur“ online angegriffen wurden. Rund 20 % der Frauen und ca. 14 % der Männer haben in den letzten fünf Jahren digitale Gewalt erlebt.
Dazu zählen Bedrohungen, Belästigungen, Nötigung und Nachstellung über digitale Medien.
Allgemein ist psychische Gewalt (Bedrohung, Kontrolle, Einschüchterung) ist deutlich weiter verbreitet als körperliche Angriffe.
Selbstverteidigung im Jahr 2026 muss diese Realität mitdenken.
Doch die Kernfakten sind dadurch nicht weniger erschreckend: Rund 45% der Befragten haben mindestens einmal sexuelle Belästigung erlebt. Und jede vierte Frau berichtet von körperlicher oder sexualisierter Gewalt im Erwachsenenalter.
Ich habe schon alles erlebt und versuche in meinen Kursen das Enttabutisieren von Gewalterfahrung zu propagieren und gleichzeitig alle dafür zu sensibilisieren, einen Raum dafür zu schaffen.
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3. Geschlecht, Macht und Realität
Die Ergebnisse der LeSuBiA‑Studie zeigen klar: Frauen sind häufiger von bestimmten Gewaltformen betroffen, insbesondere von sexualisierter Gewalt, Partnerschaftsgewalt und Stalking. Gleichzeitig zeigen sie auch, dass Männer ebenfalls Gewalt erleben – diese aber noch seltener thematisieren oder anzeigen. Besonders hoch belastet sind junge Menschen mit Mehrfachdiskriminierung.
Ich kenne diese Realität gut und arbeite mit Fakten, damit wir lernen, die Realität korrekt einzuordnen, sie nicht überzuinterpretieren, sondern um die Wahrnehmung und Vorbereitung perfekt anzupassen.
In meinen Hallen arbeite ich gendersensibel, aber nicht ideologisch. Für mich zählt die Realität des Machgefüge zwischen Menschen.
Und diese Realität sagt:
• Gewalt folgt oft Machtgefällen.
• Sie findet häufig im nahen sozialen Umfeld statt.
• Sie ist fast nie zufällig.
Deshalb lehre ich Selbstverteidigung nicht als Abfolge von Techniken, sondern als Prinzip. Wer versteht, wie Gewalt entsteht, kann früher handeln – manchmal lange bevor es körperlich wird.
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4. Warum so wenige Anzeigen kein individuelles Versagen sind
Ein Punkt der Studie ist mir besonders wichtig, weil er oft falsch interpretiert wird: die niedrige Anzeigebereitschaft.
Aus meiner Sicht – und aus Erfahrung der Berichten– ist Zurückhaltung nicht automatisch Schwäche. Manchmal ist sie eine Überlebensstrategie. Wer in Abhängigkeiten lebt, wer retraumatisiert ist oder wer gelernt hat, dass Hilfe nicht zuverlässig ist, trifft rationale Entscheidungen innerhalb eines begrenzten Handlungsspielraums.
Die LeSuBiA‑Studie macht sichtbar, dass wir dieses Thema nicht individualisieren dürfen. Es geht nicht darum, warum Betroffene nicht anzeigen. Es geht darum, warum unsere Strukturen so gestaltet sind, dass Anzeigen oft als riskant, belastend oder aussichtslos erlebt werden.
In meinen Kursen arbeite ich deshalb immer auch mit dem Thema Selbstwirksamkeit: Optionen erkennen, Entscheidungen treffen können, Unterstützung kennen. Ein offenes Gespräch kann manchmal der Beginn heraus aus der gewaltvollen Situation sein.
Dabei sind die „Zuhörer“ von mir strengstens angehalten, nicht ihre Wut, Trauer an der Person auszulassen, die sich gerade geöffnet hat. Der Schock überträgt sich, der „Zuhörer“ kann dadurch zum Ankläger werden: „Wieso sagst du das erst jetzt?“ „Wie konntest du das mit dir machen lassen?“ oder „du bist doch so eine starke Person! Ich versteh dich nicht!“ Aufgabe ist es, Mitgefühl zu haben, das aufsteigende Gefühl in hilfreiche Optionen zu wandeln und sei es weiterhin zuzuhören in der kommenden Zeit.
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5. Was diese Studie für die Praxis bedeutet
Für meine Arbeit bei Self Defense Hamburg bestätigt die LeSuBiA‑Studie viele Grundprinzipien:
1. Technik allein reicht nicht
Ein sauberer Fauststoß hilft wenig, wenn jemand innerlich erstarrt ist. Trauma‑informiertes Training, Atemarbeit, Stressregulation und mentale Vorbereitung sind kein „Extra“, sondern notwendig.
2. Prävention ist Beziehung
Menschen öffnen sich dort, wo sie sich sicher fühlen. Gewaltprävention braucht Räume, in denen Fragen erlaubt sind, Grenzen respektiert werden und niemand bewertet wird. In einer Beziehung, sowie auch im sozialem Umfeld und bei der Arbeit.
3. Frühe Bildung ist entscheidend
Kinder, die ihre Grenzen kennen und benennen dürfen, haben später mehr Handlungsspielraum. Deshalb ist meine Arbeit mit Kindern und Jugendlichen ein zentraler Bestandteil meiner Mission.
4. Gesellschaftliche Verantwortung hört nicht an der Hallentür auf
Studien wie LeSuBiA sind Werkzeuge. Aber sie entfalten nur dann Wirkung, wenn Politik, Bildung, Institutionen und Zivilgesellschaft daraus Konsequenzen ziehen.
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6. Die Verbindung von Kampfkunst und Gesellschaft
Traditionelles Gongfu ist mehr als eine Tradition. Es ist eine Schule der Achtsamkeit, der Disziplin und des Respekts. Krav Maga wiederum ist kompromisslos realistisch. Die Verbindung aus beidem prägt meine Arbeit – und sie passt erstaunlich gut zu den Erkenntnissen der LeSuBiA‑Studie.
Beide sagen im Kern:
Erkenne die Realität, wie sie ist – nicht wie du sie gern hättest.Nur dann kannst du sinnvoll handeln.
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7. Mein Fazit
Die LeSuBiA‑Studie ist kein leichter Stoff. Sie konfrontiert uns mit Zahlen, die unbequem sind. Aber genau darin liegt ihre Stärke. Sie macht sichtbar, was viele längst spüren.
Als Meisterin und als Gründerin von Self Defense Hamburg sehe ich darin eine klare Einladung:
• genauer hinzuschauen,
• früher zu handeln,
• Menschen ernst zu nehmen,
• und Sicherheit nicht als individuelles Problem, sondern als gemeinsame Aufgabe zu verstehen.
Wahre Stärke zeigt sich nicht darin, wie hart wir zuschlagen können. Sie zeigt sich darin, wie bewusst wir leben, wie klar wir Grenzen setzen – und wie solidarisch wir handeln, wenn andere diese Grenzen nicht respektieren.
Hier der Link zur Studie.
Liebste Grüße
Eure Shifu






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