EINE FRAU BEI DER FREMDENLEGION

Gestern rief mich jemand Unbekanntes an, der sich im Netz über die Fremdenlegion erkundigt hatte und aufgrund eines Interview, dass ich bei RUF DER HYÄNE gegeben habe, wohl an meinen Kontakt kam.

Er wollte sich als Freiwilliger melden, da die „derzeitige Situation“ es von ihm verlange.

Es ist schon etwas her, aber hier meine Erfahrung bei der Fremdenlegion, wo ich eine Ausbildung zum „Close Combat Military Instruktor“ gemacht habe. Wer nicht lesen mag, kann auch gerne Episode 56 von Ruf der Hyäne anhören.

WER ODER WAS SIND/IST DIE FREMDENLEGION?

Die Fremdenlegion ist eine Sonder-/ Eliteeinheit der französischen Armee. Das besondere zum Einen an dieser Einheit, ist die Herkunft der Soldaten. Sie kommen aus allem möglichen Ecken der Welt und besitzen oft zuvor keine französische Staatsbürgerschaft. Sie erhalten eine neue Identität und erhalten somit die Möglichkeit, mit ihrem alten Leben abzuschließen. Das Leben als Legionär bezieht sich ausschließlich auf die Legion.

WARUM GEHT COACH YAZZ ZUR FREMDENLEGION?

In meinem Trainingsumfeld befinden sich mittlerweile viele Soldaten:innen und Polizisten:innen. Alleine wäre ich nie auf die Idee gekommen zur Fremdenlegion zu gehen. Aber das Interesse meiner Trainingspartner:innen, bei der Fremdenlegion eine Nahkampfausbildung zu absolvieren, hat mich angesteckt. Ihnen wurde es angeboten, an einer Nahkampfausbildung teilzunehmen und ich habe gefragt, ob ich mitkommen kann. Ein paar Rückfragen, bzgl. meines Geschlechts und Sicherheit mussten folgend geklärt werden, und dann war der Antwort klar: „Ja, du darfst mit zur Fremdenlegion!“

Warum ich dazu Lust hatte, liegt wohl in meiner Natur. Je herausfordernder die Aufgabe, desto interessierter bin ich. Ein toller Nebeneffekt war in meinen Augen, dass die „Kommentare“ meiner männlicher Kollegen, durch eine Nahkampfausbildung der Fremdenlegion im Keim erstickt werden könnten. Unter Kampfsport-Kollegen muss ich mir häufig Kommentare anhören wie: „Kung Fu ist schwul, Karate ist cool!“ Verblüffend dabei ist, dass es sich bei solche Kommentaren häufig um Männer mit hohen Graduierungen handelt, die ihren Kommentar in „das war doch nur ein Scherz“ verpacken. Es ist oft Respektlos was ich mir anhören muss, wenn man als Frau Hauptberuflich diesen Job hat. Einige Beispiel:

– Auf einem Turnier wurden alle Trainer und Meister zusammengerufen, damit das Regelwerk besprochen werden kann. Ich stellte mich dazu, da meine Schüler:innen teilnahmen und ich als Trainerin/Meisterin sie begleitet hatte. Die Ansage eines Trainers, der mit einem dicken Bauch im Kreise seiner männlichen Schar zusammenstand, war: „Was suchst du hier? Geh in die Ecke und mach dich warm, das hier ist für Trainer!“

  • Diesen Satz schon 1000 mal gehört: „Als Frau, nicht schlecht!“

  • Bei einem Kampfsport-Camp wurde ich mal folgend vorgestellt: „Das ist Yasmin. Sie hat einen Youtube-Chanel und kann Spagat.“ Zudem muss ich hinzufügen, dass ich auf dem Camp Gōngfu unterrichtet habe, ich den 4. Duan und einen Meistertitel besitze und ich die jüngste Meisterin Europas bin.

  • Karateblackbelt Trainer eines Dojoˋs in Hamburg: „Kungfu? Ist das nicht dieses Tanzen in Pyjamas? Das passt ja zu dir!“

ABER ZURÜCK ZUR FREMDENLEGION: WIE SIEHT EINE AUSBILDUNG BEI DER FREMDENLEGION AUS?

Unsere Fahrt dauerte knapp 19 Stunden. Wir fuhren mit einem Bulli Richtung Nîmes, das in Südfrankreich liegt. Ich war am Steuer, als wir ankamen. Am Tor der Fremdenlegion wurde mir eins klar: hier kommen Männer her, die mit ihrem Leben soweit abgeschlossen hatten, sodass sie auf dem Gelände der Fremdenlegion ein Neues anfangen konnten. Egal, ob sie zuvor gesuchte Straftäter, Perspektivlose oder überzeugte Anwärter waren, hinter diesen Toren gab es kein zurück mehr, wenn auch „nur“ für einige Jahrzehnte. Ich hatte das Privileg als Eine von wenigen hinter die Kulissen der Fremdenlegion schauen und wieder nach Hause fahren zu dürfen.

Ich fuhr auf das Gelände der Fremdenlegion. Das irritierte einige Soldaten sofort, da es dort keine Platz für Frauen gab. Auf dem Gelände sind wir nicht lange geblieben, da wir auf einer „Farm“ unterkommen sollten. Sie lag ca. 25 km von dem Stützpunkt entfernt, wo es nichts außer Felder gab. Die Ansage auf dem Stützpunkt jedoch war klar: „Es gibt hier keinen Platz für Mädchenkram bei der Fremdenlegion und wer „Mädchenkram“ braucht, geht, sofort! Egal ob Mann oder Frau.“

Mein Zimmer war ein Rohbau, der alten Spinte und bereits genutzte Feldbetten bereit hielt. Einige rochen nach Urin, einige einfach nur streng, andere nach Erbrochenem. Ich hatte von einem befreundeten Polizisten eine Isomatte mitbekommen und einen sehr großen Schlafsack, gottseidank. Ich war im vorderen Teil des Baukomplexes untergebracht und die Männer im Hinteren. Ich hatte das Glück, die Toilette mit dem „Opéral Chef“ teilen zu dürfen und nicht mit 40 weiteren Soldaten. Jedoch gab es für mich, im Gegensatz zu den Männern, eine Duschzeit. Sie war von 6:10 – 6:20 Uhr, dabei musste das an-/ausziehen, abtrocknen und draußen stehen einbezogen werden. Die FAMAS (Fusil d’Assaut de la Manufacture nationale d’armes de St-Etienne), also das Sturmgewehr musste dabei die ganze Zeit bei mir sein, sonst wäre die gesamte Kompanie bestraft worden.

Unser Alltag wurde vom typischem militärischem Standard bestimmt. Was hieß: wenn gepfiffen wurde, läufst du so schnell es geht auf deine Position. Sanktionen galten immer fürs Kollektiv. Das Essen beschränkte sich auf Brot, Croissants und einigen Dosenkonserven, bei denen man nicht wirklich wusste, was darin schwamm.

Die Fremdenlegionäre haben uns ˋausschlafenˋ lassen, also mussten wir erst um 6:15 Uhr mit unserer FAMAS laufen gehen und gegen 7:00 Uhr zum Frühstück. Um 8:00 Uhr wurde die Flagge gehisst, was ein morgendliches Ritual beinhaltete. Wir waren im November dort, was die Temperaturen rundum dem 0 Punkt brachte. Die Kleidung beim Laufen war auch vorgeschrieben: keine Handschuhe, keine Mütze, keine Jacke und kein Pullover. Netterweise war Hose, Schuhe und Shirt erlaubt.

Das Sturmgewehr musste mich über die gesamte Zeit bei der Fremdenlegion begleiten. Egal, ob ich schlief, aß oder duschte. Die FAMAS musste am Körper getragen werden, jederzeit, immer. Sie war das Einzige, was einen Legionär das Leben sichern konnte. Somit galt dies auch für uns.

Das Training wurde von Jean-Paul Jauffret geleitet, der u.a. das 1ste REI und 2te REP im taktischen Krav Maga ausbildet. Seine Professionalität zeigte sich in seiner passionierten Art seinen Job als Ausbilder auch nach Jahrzehnten auszuüben. Detailreich und klar strukturiert gingen wir im Laufe der Woche Abwehrtechniken gegenüber Stock, Hand-/ Schusswaffen und Techniken zur Festnahme mit Handschellen durch.

Es gab Stresstraining unter erschwerten Bedingungen, z.B. ohne Sicht, ohne Schlaf, gegen mehrere Gegner gleichzeitig oder/und mit Zusatzgewicht. Dies wurde mit verschiedenem Drill kombiniert. Das Training umfasste täglich ca. 8 Stunden, inklusive Nachtschicht- wo wir 4 Stunden pro Nacht patrouillieren.

Auch Theorieinhalte zu terroristische Strukturen, Umgang mit denen und Fallbeispielen waren in der Ausbildung inbegriffen.

Nicht zu vergessen waren die dazukommenden Nacht Drills/Manöver. Unangekündigt wurden wir aus unserem Schlaf geholt, mal um 1:00 Uhr mal um 3.00 Uhr nachts und hatten eine Aufgabe: Kämpfen! Gegen wen? Gegen wie viele? Mit wem? Das musste alles innerhalb von Millisekunden situativ erfasst werden. Es ging um das Absichern der Gebäude oder das taktische Vorgehen bei einem Überfall. War die Übung vorbei, gab es zu den Fehlerquellen noch eine Trainingseinheit direkt im Anschluss. Es kam mal vor, dass ich nicht länger als 45 min. in der Nacht geschlafen hatte.

Ich kann mich noch an die Nacht erinnern, wo ich in meinem Frottee-Pyjama mit blau-weißen Smileywolken (das war der wärmste Pyjama den ich Zuhause gefunden hatte) stundenlang einen Drill durchführen müsste. Es gab mehrere Fallen, z.B. im Waldstück, um das Gelände, in einem Container und in der Lagerhallen. Die Legionäre hatten Nachtsichtgeräte und konnten mich gezielt angreifen. Sie waren so leise, dass ich sie nicht hörte. Wahrscheinlich lag es auch an meinem schnellen und lauten Herzschlag, der mir durchgehend bis ins Ohr pulsierte.

Zum Schluss schaffte es einer der Soldaten durch die Gitterpanzerung des Kopfschutzes eines Legionärs zu stecken mit der FAMAS, sodass der Legionär noch am frühen Morgen am Auge operiert werden musste. 2 Tage später war der Legionär wieder da und drillte uns weiterhin, diesmal jedoch mit nur einem Auge, da das Zweite noch einen Verband brauchte.

Das Ende der Ausbildung startete mit dem Marsch zurück zum Stützpunkt. Unser Marsch begann um 19:00 Uhr am Abend und endete gegen 1:30 Uhr in der Nacht. Danach legten wir uns einfach in unsere Schlafsäcke und versuchten zu schlafen. Meine Kameraden schlafwandelten und sprachen während sie schliefen. Im nachhinein können wir herzlich drüber lachen, aber in dem Moment wird einem schon anders. Die Fremdenlegionäre haben nämlich versucht, uns zu Trainingszwecken in der Nacht die FAMAS wegzunehmen. Sie zogen umher und suchten mit ihren Nachtsichtgeräten zwischen uns nach unseren Waffen, um sie uns wegzunehmen. Ziel war es, am nächsten Morgen uns für jede verlorenen Waffe im Kollektiv zu bestrafen.

Ich lag vollkommen erschöpf inmitten meiner Kameraden und merke auf einmal, wie jemand mich abtastet. Wiedermal hatte ich nichts kommen gehört, geschweige den gesehen. Auch wenn ein Fremdenlegionär auf einmal direkt neben deinem Kameraden steht, ohne das man nur ein knacken der Äste oder rascheln der Blätter gehört hat, fragt man sich zwei Mal, ob man jetzt Alarm macht oder sich schlafen stellt. Es hätte bedeutet, dass eine Übung gefolgt wäre, was gleichbedeutend ist mit mehr wach sein, mit weniger schlaf. Ich tat so, als ob ich schlafen würde. Die Müdigkeit, die gesamte Rastlosigkeit während des Aufenthaltes, die Kälte und der Mangel an Nährstoffen, zerrt sehr an mir. Ich half in der Nacht noch einem Kameraden bei der panischen Suche seiner FAMAS, die sich in seinem Schlafsack gut vor den Fremdenlegionären (und ihm) versteckte. Nach diesem Marsch und der kalten Nacht startete die Prüfung direkt im Morgengrauen. Alles würde abgefragt und abverlangt, inklusive Belastungsdrill.

Ich bin sehr dankbar für diese Erfahrungen. Die Fremdenlegionäre sind nicht kaltblütig, sie sind professionell und sie sind fokussiert, können lachen, schwitzen und auch beim Wettlaufen gegen mich verlieren #truestory.

Wer nur die Anstrengung bei dem Training sieht, hat bereits verloren. Es geht nicht um das harte Training – wer den Sinn dahinter nicht sieht, fällt verletzungsbedingt aus oder findet andere Gründe, nicht durchzuziehen. Aber wer, wie diese Trainer, die Perfektion in Personenschutz, Waffenumgang und Verteidigung erreichen will, der ist dort genau richtig. Du kannst sie nur erreichen, wenn die, die mit dir daran arbeiten dich unterstützen, dich motivieren, ihr Brot mit dir teilen, mit dir die FAMAS suchen und natürlich umgedreht. Es geht, um den Menschen neben dir. Du lernst dich am Riemen zu reißen, nur damit andere nicht leiden oder nicht aufgeben. Die Fremdenlegion hat zwischen den Soldaten eine so enges Band geschaffen, dass sie sich blind verstehen. Es ist mehr als Freundschaft, Kameradschaft, es ist pures Vertrauen. Ich habe tiefen Respekt vor ihnen und bin auch stolz darauf, für einen Moment ein Teil dieser Welt gewesen sein zu dürfen. Und das mit großem Erfolg: ich habe die Prüfung bestanden.

P.S.

Zu guter Letzt muss ich noch sagen, dass ich wohl zum ersten Mal meiner längsten und tiefsten Angst ins Auge blicken musste, bei der Fremdenlegion. Dank meiner Kameraden, mittlerweile besten Freunde, habe ich sie für immer überwunden. Wären sie nicht bei mir gewesen, hätte ich es nicht geschafft. An dieser Stelle noch mal vom ganzen Herzen. Danke!

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